
«A Minecraft Movie»: nicht mein Film, aber vielleicht ja eurer
Ein Held namens Steve, Jason Momoa mit Locken und ein Würfel, der als Kugel durchgeht. Der «Minecraft»-Film ist laut, wild, grell – und dabei erstaunlich leer. Nicht mal die Kinder lachen. Aber sie klatschen.
Keine Sorge: Die folgende Filmkritik enthält keine Spoiler. Ich verrate dir nicht mehr, als ohnehin schon bekannt und in den Trailern zu sehen ist.
Ich habe noch nie «Minecraft» gespielt. Da, ich hab’s gesagt.
Nein, ehrlich. Mir ist schon klar, dass «Minecraft» ein weltweites Phänomen ist. Dass Millionen Menschen das Spiel mit derselben Ernsthaftigkeit spielen, mit der ich früher meine Star-Wars-Figuren aufgereiht habe. Ich habe trotzdem keine Ahnung, wie man Creeper erkennt, warum man Blöcke stapeln sollte oder was an Pixel-Kühen so faszinierend sein soll.
Und doch lande ausgerechnet ich hier: in einer Pressevorführung zum «Minecraft»-Film, umgeben von aufgeregten Zehnjährigen.
Die Kinder – offenbar eine vom Verleih eingeladene Primarschulklasse – sorgen gleich selbst für das erste Event: Ein Bub hat mehrere Plätze für sich und seine Freunde besetzt. Ein anderer Bub, keiner der Freunde, setzt sich dann aber genau dorthin, wo er sich nicht hinsetzen dürfte. Diskussionen brechen aus. Zwei Lehrerinnen schreiten ein, scheitern aber an der Komplexität der Platzlogik. Am Ende muss ausgerechnet das besetzende Kind den Platz räumen. Seine entrüstete Mine sagt mehr über die Ungerechtigkeit, die ihm gerade widerfahren ist, als ich je in Worten ausdrücken könnte.
Dann geht das Licht aus. Ich schmunzle noch immer – und werde erst 100 Minuten später wissen: Dieses kleine Vorspiel war bereits das emotional vielschichtigste Drama des Tages.
Ein Würfel namens Kugel
Alles beginnt mit einem Jungen namens Steve, der nichts lieber möchte, als in einer Mine zu buddeln. Dumm nur: Kinder sind dort strengstens verboten. Also tut Steve etwas wirklich Ungeheuerliches.
Er wird erwachsen.
Jahre später sitzt er, gespielt von Jack Black – überdreht wie eh und je, nie um einen Rocksong oder eine Augenbraue verlegen –, in einem grauen Bürojob, der seine Kreativität so effektiv zerstört wie ein Lavafluss ein Holzhaus. Doch dann erinnert er sich an die alte Mine. Natürlich. Was sonst sollte einem Erwachsenen in den Sinn kommen, als in ein kinderfreies Bergwerk von früher zurückzukehren?
Dort findet er einen magischen Würfel, der sich irgendwie als Schlüssel zur sogenannten Overworld entpuppt. Eine Welt, in der man mit der schieren Kraft der Vorstellung Dinge erschaffen kann. Häuser, Landschaften, Wunderwelten. Alles, was man sich nur erträumt – und was offenbar aussieht wie die visuelle Inkarnation eines epileptischen Anfalls in Würfelform.

Quelle: Warner Bros.
Und genau hier, irgendwo zwischen Animationsabenteuer auf Steroiden und einer Lebensmetapher mit dem Subtilitätsgrad einer Abrissbirne (verliere nie deine Kreativität und mache Dinge nie wie alle anderen, nur weil man’s dir so sagt), beginnt der Film, sich lustvoll selbst zu zerlegen.
Denn was folgt, ist ein dramaturgischer Fiebertraum aus Blöcken, Portalen, Pixel-Wölfen und Jason Momoa in einer Mischung aus Rambo, Mario Kart und Midlife Crisis. Der spielt Garrett, den «Gamer of the Year 1989», trägt Kleider aus den 1980ern, hat viel Testosteron und eine peinliche Frisur. Das alles ist natürlich selbstironisch gemeint. Wirklich lustig wird’s trotzdem nicht. Nicht beim ersten Mal. Nicht beim fünften. Und nicht mal, wenn man zehn ist und Zucker im Blut hat.

Quelle: Warner Bros.
Und dann ist da noch die magische Kugel, also eigentlich ja ein Würfel, aber aus Gründen wird er trotzdem Kugel genannt. Die Würfel-Kugel landet auf der Erde, wird dort von zwei Waisenkindern und einer Immobilienmaklerin gefunden – weil: warum auch nicht? –, zurück in die Overworld gebracht und wird dort fortan zum MacGuffin für das grosse Finale, in dem sich alle gemeinsam gegen die böse Schweinekönigin aus der Netherworld zur Wehr setzen müssen.
Klingt absurd? Ist es auch. Und genau da liegt das Problem: Dieser Film wirkt wie das Ergebnis eines Brainstormings, bei dem keiner den Mut hatte, irgendwann mal «Stopp» zu sagen. Eine ideenüberladene, tonale Zickzackfahrt, zusammengeschraubt von sage und schreibe fünf Drehbuchautoren, die sich offenbar nie ganz einig wurden, ob sie gerade einen Meta-Gag, eine Heldengeschichte oder einen YouTube-Sketch schreiben.
Ziel verfehlt. Zumindest bei mir.
Ich beruhige mich. Atme durch. Und versuche, den Film aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Vielleicht liegt das Problem ja bei mir.
Denn es ist offensichtlich: Ich bin nicht das Zielpublikum. Hab das Spiel ja auch nie gespielt und verpasse vermutlich zahlreiche amüsante Easter-Eggs. Andererseits tut der Film aber auch nicht so, als wolle er mir etwas bieten. Kein doppelter Boden, keine subtilen Anspielungen für Erwachsene, keine clevere Metaebene. Stattdessen konzentriert sich «Minecraft» voll und ganz auf das jüngere Publikum – und vielleicht ist das ja legitim.
Also beobachte ich. Die Kinder.

Quelle: Warner Bros.
Doch was ich sehe, irritiert mich. Denn gelacht wird kaum. Zumindest nicht bei den Dialogen. Wenn Steve ruft: «Das Kommando ist jetzt mein, und wir machen das jetzt mit voller Kraft. Sprecht mir nach: MINECRAFT!» – schüttle ich innerlich den Kopf. Nicht, weil der Gag schlecht wäre (obwohl: doch, ist er), sondern weil im Saal absolute Stille herrscht. Kein Kichern, kein Lachen, nicht mal ein genervtes Stöhnen.
Erst als Jason Momoa in bester Slapstick-Manier durch ein Portal fliegt und mit vollem Karacho in die mollige Immobilienmaklerin kracht, kommt Bewegung ins Publikum. Da wird gelacht. Endlich. Am Ende, als der Abspann läuft, klatschen die Kinder sogar begeistert in die Hände. Anscheinend liegt hier das Niveau, auf dem der Film sein Zielpublikum sucht – und findet.
Fair enough.

Quelle: Warner Bros.
Mir wird bewusst: Was ich zu bieten habe, ist die Meinung von jemandem, der das Spiel nie gespielt hat, aber womöglich hofft, durch den Film zumindest das Interesse geweckt zu bekommen. Nicht mehr, nicht weniger.
Und trotzdem finde ich, dass auch einfache Kinderfilme visuell nicht nur einfallsreich, sondern auch erzählerisch charmant oder wenigstens rhythmisch sein dürfen. Der «The Super Mario Bros.»-Film hat genau das vorgemacht: Der war ebenfalls kein erzählerisches Meisterwerk, aber er wusste genau, was er tut: Er hat sich selbst gefeiert, liebevoll zitiert, das Publikum nicht für doof verkauft und es stattdessen mit Easter Eggs gefüttert und mit einem grandios orchestrierten Soundtrack begeistert.
«Minecraft» hingegen wirkt wie ein wilder Mix aus Lärm, Nostalgie und Reizüberflutung – aber ohne erkennbare Handschrift. Wo «Super Mario Bros.» mit einem Augenzwinkern durch eine knallbunte Fantasiewelt rauscht, brettert «Minecraft» mit Vollgas durch einen Haufen halbguter Ideen – und hofft, dass irgendwo schon ein Gag kleben bleibt.
Fazit
Was «Minecraft» sein könnte – und was der Film daraus macht
Was soll ich sagen? Ich habe zwar nie «Minecraft» gespielt – aber selbst mir fällt auf, wie wenig dieser Film mit dem zu tun hat, was ich von diesem Spiel verstehe. Vom weltweiten Phänomen, das Millionen Menschen fasziniert. Von einem Spiel, das für kreative Freiheit steht. Für das Erforschen, Erschaffen, Experimentieren. Und für die Möglichkeit, Welten nach den eigenen Regeln zu gestalten.
Und was macht der Film daraus? Eine lineare, überdrehte Abenteuergeschichte voller Portal-Gefetze, Klischeefiguren und flacher Gags. Nichts daran fühlt sich selbst gebaut oder erdacht an. Im Gegenteil: Alles wirkt wie aus einer Franchise-Schablone zusammengeklatscht. Wie die Kopie einer Kopie einer Kopie.
Nein, «Minecraft» ist hier nicht Spielwiese. Eher Kulisse. Aber vielleicht sehe ich das falsch. Vielleicht erkennt die Community da draussen all die liebevollen Details, die mir entgehen. Vielleicht. Aber als Aussenstehender, der schon lange nicht mehr zehn ist, bleibt vor allem der Eindruck einer vertanen Chance.
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Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»