

«Mama, wann säen wir endlich die Tomaten?»
Wir wollen es wissen: Meine Kinder und ich pflanzen als Gartenneulinge allerlei Obst, Gemüse und Blumen an. Begleite uns durch die Höhen und Tiefen unserer frühjährlichen Gartenfreuden.
«Mama, ich will ganz viel Gemüse anbauen!» Huch, denke ich, das ist ja schön zu hören von meinem sechsjährigen Sohn, der aktuell kaum Gemüse isst. «Gut», antworte ich, «das machen wir.» Wir haben ja jetzt einen Garten. «Gut», sagt er, «los geht’s!» Wir starten hoch motiviert, kaufen Samen – Bio natürlich – zunächst Rüebli, Tomaten und Fenchel. Den Packungen entnehme ich, dass wir die einen direkt ins Beet säen, andere hingegen in einer Aufzuchtschale vorziehen sollen. Frühestens aber im März. Wir kaufen also ein Mini-Gewächshaus und warten noch, es ist erst Februar. «Wann können wir endlich die Samen säen?», fragt mein Kind. «Im März», antworte ich. Wir zählen die Tage, bis März ist.

Als März ist, gehen die Samen vergessen, wegen Besuch, Krankheit, Geburtstagen, Alltag. Dann fallen sie uns wieder ein. «Jetzt können wir die Samen säen? Au jaaa!», ruft mein Sohn. Ich google und sage: «Wir brauchen erst Aussaaterde.» «Wieso?», kontert er, «Wir haben doch schon Erde da!» Hm, denke ich beim Blick auf die Universalerde, das wäre wirklich einfacher. Aber im Internet steht, Aussaaterde sei noch besser. Ich sage: «Wir beginnen mal mit dem Jäten im Beet und verschieben das Samen-Säen.»

Beikräuter mit Beigeschmack
Unser Beet im Garten ist zwei mal sieben Meter gross, mit einem Schneckenzaun umgrenzt. Überwuchert mit Unkraut Beikräutern. Jedes Kraut hat ja wohl seine Berechtigung. Einfach nicht in unserem Gemüsebeet, da wollen wir nur Gemüse. Löwenzahn, Gras, wenige stachelige Brombeeren und sehr viele Brennnesseln machen sich hier Konkurrenz.
Da schreit es auch schon laut «Auaaaaaa!» Die Tränen fliessen, die Brennnessel hat den kleineren Sohn, drei Jahre, durch die Kinder-Gartenhandschuhe gestochen. Ja, das ist wirklich unangenehm. Auch wenn wenige der Stiche angeblich gesundheitsförderlich sein sollen, ziehe ich jetzt lieber meine Leder-Gartenhandschuhe an. Aber bevor ich mit Spaten und Hacke so richtig im Flow bin, hat der Kleine schon andere Pläne. «Mama, komm mit, ich will Traktor fahren!»

An einem anderen Tag stehe ich mit meinem Sechsjährigen im Beet. Er wirft die Schaufel weg und stöhnt: «Wieso können wir nicht jetzt sofort die Samen säen?» «Wir müssen halt erst Platz machen», antworte ich, aber er hört mir schon gar nicht mehr zu. Stattdessen liegt er nun neben seinem kleinen Bruder auf dem Liegestuhl, abwechselnd ärgern sie sich und lachen dann wieder. «Mama, wir wollen Hafermilch!», rufen sie mir zu. «Und was essen!»
Ähm ja, und was ist jetzt mit dem Beet?
Vielleicht doch eine blöde Idee
Ich finde Gartenarbeit grundsätzlich ja wahnsinnig erdend. Dann, wenn ich alleine im Gras hocke, vor mich hin grabe und einfach Ruhe herrscht, bis auf Insektensummen und Vogelgezwitscher. Ich finde Gartenarbeit auch dann wahnsinnig schön, wenn meine Kinder konzentriert neben mir buddeln, mir mal interessiert ein Insekt zeigen oder Blümchen pflücken – oder auch neben mir miteinander spielen (harmonisch).
Was ich ganz schön anstrengend finde: Alle zwei Minuten unterbrochen zu werden, mit einem neuen Wunsch, einem neuen Problem. Wieso ist das Beet eigentlich so gross?, frage ich mich jetzt selbst, und: Wann sind wir denn endlich fertig mit Jäten? Wir wollten doch noch im März säen und das Monatsende naht. War das eine blöde Idee, dieses Beet bestellen zu wollen? Wäre es nicht entspannter, den Kindern was vorzulesen und das Gemüse weiter im Laden zu kaufen? Für heute lassen wir es gut sein, beschliesse ich, mit Blick auf das immer noch sehr überwucherte Beet. Und sowieso kaufen wir jetzt erst mal Aussaaterde.
Endlich, die ersten magischen Momente
Beim langen, langen Beet-Vorbereiten aka Jäten, das sich bei uns über mehrere Tage erstreckt – und ich mich frage, ob alle Menschen so lange dafür brauchen und ob das nicht effizienter ginge – erleben wir aber auch diese Momente kleiner Magie: Mein Dreijähriger entdeckt zwei blaue Babyschnecken.

Mein Sechsjähriger verkündet, er wolle auch unbedingt Zucchini aussäen, die er sonst nie isst, weil die selbst angebaut bestimmt viel besser schmecken. Die Kinder pflücken Gras für die Nachbarshühner. Der Hund streckt sich gemütlich in der Sonne. Mein Mann findet einen Stein in Form eines Herzens für mich. Zwischen den grauen Wolken blitzt die Sonne durch, wärmt mein Gesicht und plötzlich fällt der ganze Stress von mir ab, der mir als Mutter im Familien- und Arbeitsalltag ja doch ab und zu im Nacken sitzt. Schon was Schönes, diese Gartenarbeit!

Wenn schon, denn schon
Dann besorgen wir die Aussaaterde und noch mehr Bio-Samen. Die Wahl der Kinder fällt auf Melonen, Monatserdbeeren, Erbsen, Zuckermais und essbare Blüten. Ich habe zwar gelesen, man solle mit wenig anfangen, aber wir wollen es jetzt wissen. Wenn schon, denn schon! Das lange Jäten soll sich lohnen. Zuhause sortieren wir die Samen danach, welche direkt ins Beet dürfen und welche erst im Mai nach den Eisheiligen raus können. Die dürfen vorher in unserem Mini-Gewächshaus wachsen.
Dann geht’s los: Die Schale auf die Wiese und die Finger in die Erde. Konzentriert füllen die Kinder in Regenhosen jedes kleine Töpfchen mit Erde. Ich hocke im Yogi Squat daneben und fühle mich endlich geerdet. Dann öffnen wir die Samenpackungen und staunen. Dass die Maissamen einfach getrocknete Maiskörner sind und wie winzig dagegen die Erdbeersamen wirken, begeistert auch mich.

Der Grosse liest vorsichtig die Samen aus, zählt sie ab, deckt sie zärtlich mit wenig Erde zu. Der Kleine versucht es auch und schaufelt schwungvoll eine Ladung Erde obendrauf. Ich schreibe provisorisch die Pflanzennamen auf ein Klebeband, damit wir später noch wissen, was wo wächst. Namensschildchen können wir ein anderes Mal basteln.

Am nächsten Morgen die aufgeregte Begrüssung: «Mama, Mama, es ist noch gar nichts gewachsen!» Immer wieder beäuge ich unser kleines Mini-Gewächshaus auf dem Fenstersims und bin selbst richtig gespannt, wann das erste Grün durchbrechen wird. Jetzt noch aufraffen und die letzten Beikräuter aus dem Beet stechen!
Babyglück in der Anzuchtschale
Und dann haben wir es wirklich geschafft. Am letzten Sonntag im März ist das Beet endlich fertig gejätet. Noch etwas Komposterde drauf, mit dem Rechen Rillen ziehen und die Samen rein, die jetzt schon direkt ins Beet dürfen (Rüebli, Erbsen, Blumen).
So harzig der Start war, ging am Ende doch alles ganz schnell. Während ich jäte, graben die Kinder Löcher («Schau mal, eine Tiefgarage!»). Sie bauen mit Blättern und Stöcken Unterkünfte für Regenwürmer und staunen erst empört, dann fasziniert, wie die nützlichen Tiere doch immer wieder schnell in der Erde verschwinden. Entdecken wir eine grüne «Raupe Nimmersatt», platzieren wir sie vorsichtig in unsere wilde Brennnesselecke neben dem Beet um.
Jetzt müssen wir also nur noch die Namensschilder basteln. Als wir für heute reingehen, ertönt die frohe Botschaft vor der Aufzuchtschale: «Mama, Mama, aus den Samen sind Babypflanzen gewachsen!»

Weil ich selbst ein Neuling in der Gartenarbeit bin, habe ich den Rat einer Expertin eingeholt. Kathrin Hälg leitet den Lerngarten für Kinder am Bach Areal in St. Gallen, ein Projekt von «Gartenkind» Bioterra. Das Gespräch mit ihr kannst du hier demnächst nachlesen.
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Eigentlich bin ich Journalistin, in den letzten Jahren aber auch vermehrt als Sandkuchenbäckerin, Familienhund-Trainerin und Bagger-Expertin tätig. Mir geht das Herz auf, wenn meine Kinder vor Freude Tränen lachen und abends selig nebeneinander einschlafen. Dank ihnen finde ich täglich Inspiration zum Schreiben – und kenne nun auch den Unterschied zwischen Radlader, Asphaltfertiger und Planierraupe.