

Alle überflüssig, viele mangelhaft: «Stiftung Warentest» prüft Nahrungsergänzungsmittel für Kinder
Es gibt sie als Drops, Gelees oder flüssig: Frei erhältliche Nahrungsergänzungsmittel für Kinder. Die «Stiftung Warentest» hat in den bunt vermarkteten Produkten nicht die Lösung bei Vitaminmangel, sondern vor allem Überflüssiges und Bedenkliches gefunden.
Die eigenen Kinder lieben wir alle. Und einfache Lösungen ebenfalls. Deshalb zieht bei manchen Eltern der Gedanke, auf Nahrungsergänzungsmittel für den Nachwuchs zu setzen. Statt hängenden Mundwinkeln vor dem Teller Spinat gibt’s schnell einen bunten Drop in Bärchenform, schon sind die benötigten Vitamine und Mineralstoffe drin.
So weit die Theorie, die mit der Praxis wenig zu tun hat. Denn viele Produkte sind überdosiert und unzureichend deklariert. Von fünf Präparaten rät die «Stiftung Warentest» stark ab, weil sie unter anderem Kupfer oder Vitamin A in (zu) grossen Mengen enthalten. Beides kann bei Kindern zu gesundheitlichen Problemen führen. Von insgesamt 18 getesteten Produkten hielt sich lediglich ein Hersteller an die Mengenempfehlungen, Werberegeln und Warnhinweise. Am besten schnitt das «Kinder Vitamin D3» von Abtei ab – es wurde «nur» als überflüssig bewertet.

Dass kein besseres Urteil drin ist, erklärt sich durch die Testkriterien. Denn Vitamin D zu verabreichen, wird laut «Stiftung Warentest» nur bis zum zweiten Geburtstag empfohlen, sofern das Kind ausreichend im Freien ist (in der Schweiz nur bei zu wenig Sonnenexposition auch im zweiten und dritten Lebensjahr). Das Produkt dagegen erst ab 4 Jahren.
Wie wurde getestet?
- Inhaltsstoffe: Diese wurden analysiert und bewertet, ob die enthaltenen Mengen an Vitaminen und Mineralstoffen die Empfehlungen für Kinder einhalten. Das ist nicht selbstverständlich, denn es fehlt eine gesetzliche Regulierung. Deshalb wurden dazu die Höchstmengenvorschläge des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) und die Referenzwerte der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für die Gesamt-Nährstoffzufuhr für Kinder herangezogen sowie die Altersempfehlung des jeweiligen Produkts berücksichtigt.
Die Referenzwerte sind nicht überall gleich – in der Schweiz wurden beispielsweise je nach Sprachregion lange Zeit verschiedene verwendet. Inzwischen wurden sie vereinheitlicht und sind auf der Seite des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen abrufbar. Die Ernährungsgesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz geben auch gemeinsame Empfehlungen ab, zum Beispiel für die Vitamin-A-Zufuhr. Nahrungsergänzungsmittel gelten in der Schweiz wie in Deutschland als Lebensmittel.
- Werbeaussagen und Deklaration: Die Aufmachung in Wort und Bild wurde anhand der Nahrungsergänzungsmittelverordnung und der EU-Health-Claims-Verordnung bewertet, die Mengenangaben und Verbraucherhinweise ebenfalls überprüft.

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- Angegebener Nutzen: Hier ging es um die Frage, ob wissenschaftliche Belege dafür vorhanden sind, dass das Produkt nützlich ist. Dafür suchten die Gutachterinnen und Gutachter nach Studien und bezogen Veröffentlichungen von Fachgesellschaften und Behörden mit ein. Zudem wurden die Anbieter dazu aufgefordert, den beworbenen Nutzen mit entsprechenden Studien zu belegen.
Was wurde bemängelt?
Da alle Produkte als «überflüssig» eingestuft werden, liegt es auf der Hand: Durch die Bank kritisiert wird der nicht belegte Nutzen aus wissenschaftlicher Sicht, da gesunde Kinder in Deutschland über die Nahrung in der Regel gut mit Vitaminen und Mineralstoffen versorgt sind. Entsprechende Daten für die Schweiz sollen dieses Jahr publiziert werden.
15 von 18 Produkten werden deutliche oder sehr deutliche Mängel bescheinigt, sie überschreiten mit der angegebenen Tagesdosis die wissenschaftlichen Empfehlungen. Fünf Produkte werden besonders kritisch hervorgehoben. Zum einen Orthomol Junior C Plus, da dieses Kupfer enthält. Zum anderen jene, die zu viel Vitamin A jenseits der für Erwachsene empfohlenen Dosierung enthalten (Doppelherz System Omega-3 Family, Hübner Multivital Kids, Centrum Kids Multi Vitamin Gummies, Easyvit Easy Fishoil Multi).
Keine Grenzwerte für Produkte, die sich an Kinder richten
Ein grundlegendes Problem ist, dass diese Produkte sich an Kinder – beziehungsweise deren Eltern – richten, es bei Vitaminen und Mineralstoffen aber bislang nur gesetzlich festgelegte Höchstmengen für Erwachsene gibt.
Die EU arbeitet daran, Nahrungsergänzungsmittel strenger zu regulieren. In der Schweiz fordert die Stiftung Konsumentenschutz ein entsprechendes Höchstmengenmodell für Kinder. Aus gutem Grund, denn in ihrer 2024 gemeinsam mit der Berner Fachhochschule durchgeführten Marktuntersuchung zu Nahrungsergänzungsmitteln bei Kindern kam sie zu dem Fazit: «Sie sind überflüssig, teuer und oft überdosiert.» Genau wie nun die «Stiftung Warentest».
Das schliesst nicht aus, dass die Einnahme auf ärztlichen Rat hin in Einzelfällen sinnvoll sein kann. Aber es zeigt, dass Eltern für bunte «Denkbärchen» oder ähnliche Produkte zwar gutes Geld ausgeben, ihren Kindern damit in der Regel aber nichts Gutes tun.
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Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.